November Braindump

Wenn Du immer wieder das tust, was Du immer schon getan hast, dann wirst Du immer wieder das bekommen, was Du immer schon bekommen hast. Wenn Du etwas Anderes haben willst, musst Du etwas Anderes tun! Und wenn das, was Du tust, Dich nicht weiterbringt, dann tu etwas völlig Anderes, statt mehr vom gleichen Falschen! PaulWatzlawick, österr. Philosoph, 1921 –2007

Auf dieses Zitat komme ich später nochmal zurück. Ich habe lange nichts gepostet, es gab wenig zu berichten und viel zu tun. Wer bis zum Ende liest muss ein paar Kraftausdrücke ertragen.

Kommen wir mal zum Positiven:

  • Der Sommer und Frühherbst waren schön und arbeitsreich (da durften wir wieder und noch arbeiten). Tolle Gäste, gigantische Auslastung – danke Euch allen, die Ihr da wart!!!
  • Heute scheint die Sonne, der Nebel der letzten Tage hat wunderschöne Gebilde gezaubert. Der Morgenspaziergang war voller atemberaubender Schönheit.
  • Die Hühner, die 80% die den Habichtangriff überlebt haben, haben jetzt einen kleinen, aber sicheren Auslauf und sind wohlauf. Die Küken haben sich zu prächtigen Junghühnern (und -hähnen) entwickelt
  • Die Hunde sind happy, weil wir jetzt viel, viel Zeit haben – arbeiten ist ja nicht mehr.
  • Die Schafe sind glücklich, gestern kam die Heulieferung für den Winter
  • Wir Menschen sind gesund, haben jeweils 2 funktionierende Arme, Beine, Augen, Ohren – DANKE dem Universum und dem lieben Gott (oder wem auch immer) dafür!
  • Ein glücklicher Zufall brachte mir einen Dozentenjob im Oktober, zwar freiberuflich und schlecht bezahlt, aber es macht Spaß.

Das war’s dann auch mit den guten Nachrichten.

Somit wären wir bei den weniger positiven Aspekten:

Natürlich, ich bin ein Einzelschicksal unter so vielen, die unter dem Kollateralschaden der Corona-Maßnahmen leiden. Ich habe Angst, ja eine SCHEISS-ANGST. Nicht vor der Krankheit, diesem unsäglichen Virus. Die Wahrscheinlichkeit sich hier im Outback anzustecken liegt wohl bei 1:1.000.000, wahrscheinlicher ist es im Lotto zu gewinnen ohne zu spielen. Was mir inzwischen den Schlaf raubt ist die Angst vor der Vernichtung von allem was ich mir in den letzten 26 Jahren erarbeitet habe. Ich genieße zwar den morgendlichen Spaziergang im Wald, das Schafe streicheln, das Beobachten der Hühner, das Leben in einem tollen Haus mit Riesen-Grundstück und den nächsten Nachbarn nicht mal sehen zu können. Ich sollte es einfach genießen solange ich es darf. Und trotzdem begleitet mich ständig dieses mulmige Gefühl jeden Moment festhalten zu müssen, weil ich nicht weiß ob ich an diesem herrlichen Ort  in einem oder in zwei Jahren noch leben darf.

Es ist ruhig geworden. Totenstill.

Keine Gäste, keine Dienstreisen. Auch niemanden, der lieber Homeoffice in der Idylle macht. Das hat im ersten Lockdown auch niemanden interessiert. Ich bin eine unverbesserliche Optimistin, aber langsam gehen mir die Ideen und die Strohhalme aus.

Den Frühjahrslockdown hat das Auszeithaus mit Blessuren überstanden. Wir mussten 10 Wochen schließen, ohne Entschädigung irgendwelcher Art. Was uns jedoch über Wasser gehalten hat, waren

  • meine Bank, die mir im Gegensatz zu diesem Staat, WIRKLICH geholfen hat,
  • das Budget, das eigentlich für die Fertigstellung der letzten Wohnung gedacht war (deren Nicht-Fertigstellung mir halt erst in 2022 das Genick bricht (wenn nicht ein Wunder passiert)
  • Eine traumhafte Auslastung in den Sommermonaten, dank der ich trotz Gutscheineinlösungen aus den Stornierungen des Lockdown 1 einen kleinen Puffer aufbauen konnte

Der Oktober kam. Nass, kalt und weniger golden als in den Jahren zuvor. Golden war aber die Auslastung mit 80%. Durch weitere Gutscheineinlösungen sah es zwar an der Einnahmenfront nicht so rosig aus, aber der Forecast für November und Dezember war sehr positiv.

In weiser Voraussicht hatte ich mir einen Job gesucht und einen Perfekten gefunden. 2 Tage die Woche darf ich freiberuflich als Dozentin für Bewerbungstraining arbeiten.

Gruseliger November 2020

Gruselig wurde es im düstersten November meines Lebens – der von 2020 hat sogar den bisher gruseligsten von 2018 um Längen getoppt.

2.11. Ein neuer Schlag in die Eingeweide. Wieder Lockdown – “light” wie es so schön heißt – wieder zig Stornierungen, bereits angereiste Gäste musste ich nach Hause schicken.

ABER HEY, wenigstens der Dozentenjob war noch da – als Tropfen auf den heißen Stein, der gerade mal 20% der laufenden Kosten deckt (ohne Nahrung für Mensch & Tier und sonstiges Privates – das nehme ich immer noch aus dem Budget für die Baustelle, so wie die 80% um die restlichen Kosten zu decken).

Egal, dachte ich, die Regierung wollte ja niemanden im Stich lassen – Hoffnung “Novemberhilfe” – dachte ich genauso naiv wie noch im Frühjahr.

 

25.11. Ein weiterer Schlag in die Fresse – der angebliche “Wellenbrecher” wird verlängert, das gleiche Spiel wie im Frühjahr beginnt. Unsicherheit, keine Ahnung wann es weiter geht, hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Maßnahmen bis Januar (manche unken bis März verlängert werden). Aber was solls, die Regierung lässt uns ja nicht im Stich, die Hilfen werden auf den Dezember ausgedehnt.

Und HEY, der Dozentenjob ist ja auch noch da.

26.11. Eine Rechts-Links-Kombi vom Feinsten:

Vormittag des 26.11.: Beim Lesen der Voraussetzungen für die Novemberhilfen sofort klar – auch diesmal werde ich keine Entschädigung bekommen.

Aber HEY, wer wird den Kopf hängen lassen, der Dozentenjob ist ja noch da

“Verlängern – Vertiefen – Helfen” hat der Herr Söder an diesem unsäglichen Donnerstag beschlossen. Was  mit “Vertiefen” gemeint war, wird mir einige Stunden später das letzte Standbein wegreißen:

Abend des 26.11.: Anruf des Leiters der Schule. “Frau Andergassen, es tut mir leid, aber Sie haben heute das letzte Mal in diesem Jahr unterrichtet. Wir müssen nächste Woche schließen.”(Anmerkung: ich saß mit maximal 3 Teilnehmern – meist nur 2 – in einem Raum mit 40 qm – zwischen den Teilnehmern war ein Abstand von ca. 4 Metern – zwischen mir und den Teilnehmern betrug der Abstand 5-6 Meter und vor meiner Nase befand sich eine Plexiglasscheibe. Sowohl die Teilnehmer als auch ich, trugen eine Maske sobald wir aufgestanden sind und wenn es nur der Gang bis zum Mülleimer war. Das Hygienekonzept der Schule ist extrem streng und wasserdicht)

“Vertiefen” heißt beim Herrn Söder unter anderem:

“f. Geschlossen werden die Angebote der Erwachsenenbildung nach dem Bayerischen Erwachsenenbildungsförderungsgesetz, also die Volkshochschulen und vergleichbare Angebote anderer Träger….” Aus <https://www.bayern.de/bericht-aus-der-kabinettssitzung-vom-26-november-2020/>

OH-JEY, der Dozentenjob ist “wech…”

Ca. Ende Februar wäre das Budget für die Wohnung und der Puffer aus dem Sommer futsch, je nachdem wie lange wir geschlossen haben müssen. Sollte es wirklich bis März dauern, war’s das mit dem Lebenstraum.

Das ist dann der Punkt an dem ich weder die Raten der Bank, noch die Zinsen, noch meine Krankenversicherung, noch mein Essen und genauso wenig das Futter für die Schafe, die Hühner und die Hunde zahlen kann. Und Grundsicherung (Hartz IV) kann ich nicht beantragen, da ich ja schließlich das Haus besitze – ich sitze in einer riesigen, schönen Falle.

Und das alles wegen Maßnahmen, deren Wirksamkeit durch NICHTS belegt sind. Völlig nutzlose Maßnahmen die einfach beschlossen wurden, da es der Weg des geringsten Widerstandes war. Da hätten sie genauso sagen können “Jeder muss 2x täglich morgens und Abends seinen Namen vor offenem Fenster tanzen” Dann wären die Infektionszahlen genausowenig gesunken. Dann würde es auch nichts nutzen den Namen 4x am Tag zu tanzen.

Damit komme ich wieder zurück auf Watzlawick: Und wenn das, was Du tust, Dich nicht weiterbringt, dann tu etwas völlig Anderes, statt mehr vom gleichen Falschen!

 

Schulen schließen?

Och nö das geht nicht – die Eltern steigen uns auf’s Dach, die haben keinen Urlaub mehr.

 

Öffentliche Verkehrsmittel?

Och nö – wie sollen die, die noch arbeiten dürfen und zur Schule gehen dorthin kommen?

 

Partys und Besäufnisse?

Och nö – wie wollen wir das kontrollieren? Prohibition? Nützt auch nix, dann wird der Alkohol halt schwarz verkauft.

 

Die Zeit von Juni bis Oktober nutzen um eine Studie zu machen, wo genau und in welchen Situationen sich Menschen infizieren?

Och nö – zuviel Arbeit, da haben wir lieber den Sommer genossen. Wir brauchen ja jetzt schnell Maßnahmen.

Wisst Ihr was? Wir machen einfach irgendwas, damit die Leute das Gefühl haben, wir würden was machen. Laßt uns irgendetwas schließen, wo es keine große Lobby gibt und der Gegenwind vergleichsweise lachhaft ist. Gastro, Beherbergung, Sport-und Freizeit, Kunst und Kultur – das ist zwar ein Riesenhaufen Menschen, aber ohne gemeinsame Interessenvertretung. Die werden zwar jammern, aber machen können sie nichts.

Und zur Beschwichtigung gab es ein Hilfsversprechen, das bei genauerem Hinsehen wieder Augenauswischerei war und halt ein paar Kollateralschäden fordert. Ein Opfer das halt nun mal einige zum Wohle der Vielen bringen müssten. Ich schätze mal nicht, das ich für dieses Opfer das Bundesverdienstkreuz bekomme, weil ich damit Menschenleben gerettet habe. Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass durch einen Aufenthalt bei uns auch niemals ein Menschenleben in Gefahr war. Sippenhaft halt.

Ein riesengroßes FUCK YOU an alle Idioten, Partypeople und Demonstranten da draußen, denen wir die aktuellen Infektionszahlen verdanken. Das sind NICHT die Gastronomen,” Beherberger”, Kunst- und Kulturschaffenden etc. die sich die letzten Monate den ARSCH aufgerissen haben um alles Erdenkliche zu tun um NICHT das Problem zu sein.

Das große FUCK YOU richtet sich an all die Personen, denen das Schicksal von Millionen von Menschen, deren Arbeitsplätze und Existenzen gerade vernichtet werden, SCHEISSegal ist, weil  sie zu egoistisch und zu dumm sind zu begreifen, dass es nicht nur ihre persönlichen Freiheiten und Problemchen, ein bisschen Abstand und einem Fetzen Stoff vor dem Gesicht geht.

Diese Vollidioten richten in perfektem Teamwork  mit der Bundesregierung und den Landesregierungen das System zugrunde von dem sie leben.

P.S. Ich vermute mal ich werde diesen Post ziemlich bald wieder aus dem Netz entfernen, zumindest ab da wo es negativ wird. Aber ich musste mir heute mal den Frust von der Seele schreiben und in der heute aktuell üblichen Manier des sozialen Exibitionismus in meine kleine Welt hinausschrei(b)en.

Update 1.12.2020:

Gestern ist ein kleines Wunder passiert: Die Schule in der ich das Bewerbungstraining mache, hat die Regelungen neu interpretiert: Mein Dozentenjob ist wieder da. 🙂

DANKE an alle die mit fühlen. Das hat wohl Energien im Universum aktiviert 😉

 

 

6 Comments

  1. Magdalena

    Ich kann den Frust sehr gut verstehen. Hier mal ein Lösungsansatz oder zumindest ein Versuch, konstruktiv zu helfen.
    Haben Sie schon mal über eine Crowdfunding Kampagne nachgedacht? Das ist schnell erstellt und Sie könnten ‚einfach‘ eine Mail an Ihre Mailingliste rausschicken und über Soziale Medien noch eine größere Reichweite erzielen. Ich hoffe sehr, dass Sie Ihren Lebenstraum nicht zu Grabe tragen müssen.
    Mit Wünschen für einen langen Atem, Magdalena

    • azhandergassen

      Liebe Magdalena, das ist wirklich ein sehr kreativer Vorschlag. Ich hatte darüber schon mal in einem anderen Zusammenhang (statt Bankfinazierung) nachgedacht. DAnn war ich auf den Crowdfundig-Plattformen und fühlte mich wie ein zu kleines Licht. Alle anderen Projekte waren so besonders, oder sozial, das hat mich abgeschreckt. Dann “erfand” ich den “Investorgutschein”, wäre quasi wie ein Crowdfunding – heute Gutschein kaufen und irgendwann den Gegenwert + 15% “verurlauben”. Das fand keinen Zuspruch. Aktuell habe ich den Gutscheinverkauf deaktiviert, denn es verschiebt nur das Problem – dann hätte ich zwar jetzt Einnahmen, aber wenn es zur Einlösung kommt, fehlen wieder die Umsätze. Ich habe vom 1. Lockdown noch Gutscheine offen und jetzt kommen weitere dazu von Aufenthalten die ich meinerseits stornieren musste, das erzeugt zu viele Gutscheine in der Pipeline, sodaß es passieren kann wie im Oktober, wo ich 80% Auslastund und kaum Einnahmen hatte.
      Ich bin ein Stehaufmädchen und lasse mich nicht so schnell unterkriegen, gestern hat meine Mama mich daran erinnert, was ich schon alles geschafft habe und dass ich das Unmögliche schon möglich gemacht habe. Sie wäre zuversichtlich, dass es auch diesmal wieder irgendwie klappt. Ich gebe nicht so schnell auf. Gerade komme ich mir vor wie der Schwarze Ritter aus dem Film “Ritter der Kokosnuss” 🙂

  2. Gabi Laß

    Ich teile diese Ansicht, kann aber auch nichts tun, zumindest fällt mir nichts ein. Leider habe ich auch keine Mittel zur Unterstützung. Ich wünsche dir, dass du auf diesem Weg wohlmeinende Unterstützung findest.
    Mir bleibt nichts außer dir Daumen zu drücken und alles gute zu wünschen.

    • azhandergassen

      Liebe Gabi, das Daumendrücken und zu wissen, dass Menschen mit mir fühlen, ist bereits die größte Hilfe. Ich habe das nur gepostet um mir meinen Frust von der Seele zu schreiben. Der Zuspruch, und die Energien, die ich aus diesem Post erhalten habe, müssen das kleine Wunder bewirkt haben, dass ich ab heute schon wieder arbeite, weil die Schule ihre Interpretation der neuen REgelung überdacht hat. Ganz lieben Dank, daß Du Teil dieser Energien warst. Michaela

  3. Nicole

    Michaela, ich bin völlig d’accord mit dir. Es ist entsetzlich zu sehen zu müssen, wie soviel gegen die Wand gefahren wird. Ich kann deine Wut und Angst absolut nachvollziehen. Auch ich hatte nicht erwartet, mit fast 60 Jahren noch mal solche Existenzangst zu haben. Ich hoffe inständig für dich, dass es irgendwie weiter gehen wird mit deinem Lebenstraum. Halte durch! Ich drück dich aus der Ferne! Deine Nicole

    • azhandergassen

      Liebe Nicole, danke für das virtuelle Drückerchen. Momentan geraten auch diejenigen mit der positivsten Lebenseinstellung an ihre Grenzen.
      Zum Glück sind meine Tiefs meist von kurzer Natur, aber am Sonntag hatte ich das Gefühl das mal teilen zu müssen, weil ich weiß, dass ich kein Einzelfall bin. Heute bin ich schon wieder viel zuversichtlicher. Und gestern passierte dann das kleine Wunder: Ich darf ganz überraschend wieder an die Schule als Dozentin. Die Entscheidung fiel ganz plötzlich und ich bin so froh und dankbar, wenigstens diesen kleinen Job noch zu haben.

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